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27.06.2019 St.Galler Tagblatt

Die Weigelt-Offensive:
Wie die St.Galler Ex-Handballerin ihren Wahlkampf inszeniert – und wer ihr dabei hilft

Vor einem Jahr war sie noch Handball-Nationalspielerin, jetzt will Karin Weigelt für die St.Galler FDP ins Bundesparlament. Dafür setzt sie zusammen mit ihrem Vater Peter Weigelt alle Hebel in Bewegung. Das wirft in der Partei Fragen auf – auch finanzielle.

Sie belegt den hintersten Platz in der Startaufstellung. Karin Weigelt, Jungunternehmerin und Ex-Profihandballerin, ist Nummer Zwölf auf der Hauptliste der FDP Kanton St.Gallen für den Nationalrat. Doch die politisch unerfahrene 35-Jährige will in diesen Wahlen ganz nach vorn. Das ist unübersehbar, vor allem in den Sozialen Medien. Während andere Kandidaten ihren Wahlkampf auf Sparflamme kochen oder noch gar nicht damit begonnen haben, fährt Karin Weigelt seit Wochen eine Offensive – mit ihrem Vater, alt Nationalrat Peter Weigelt, als Unterstützer im Hintergrund.

Das Team scheut keinen Aufwand. Bestes Beispiel ist eine Livetalk-Serie, welche die Onlinezeitung «Die Ostschweiz» via Facebook verbreitet. Polit-Schwergewichte wie Hans-Ulrich Bigler und Doris Fiala machen mit, ebenso bekannte ehemalige Spitzensportler wie Marc Zellweger und Denise Biellmann. Als persönliches Wahlkampfmittel sind die Sendungen auf den ersten Blick nicht erkennbar. Auf den zweiten Blick fällt auf: Weigelt ist als einzige in jeder Sendung mit dabei. «Die Idee dieser Live-Talks entstand Anfang Jahr, als wir Aktivitäten für den Wahlkampf planten», sagt sie dazu. «Ich finde dieses Format extrem spannend – und mir war auch wichtig, dass wir nicht nur über Politik diskutieren.» Die Talkrunden finden an wechselnden Orten statt – sogar aus dem Bundeshaus wurde eine Folge übertragen. Deutlicher kann man den Siegeswillen kaum demonstrieren. «Für mich war von Anfang an klar: Wenn ich mitmache, dann mit Ambitionen und vollem Einsatz», sagt Weigelt über ihren Wahlkampf. Im Sport habe sie gelernt, sich hohe Ziele zu setzen und Schritt für Schritt darauf hinzuarbeiten. «Es wäre wünschenswert, wenn mehr echte Unternehmerinnen und Unternehmer in der Politik vertreten wären – und mehr junge Kräfte.» Weigelt hat nach ihrem Abschied vom Profihandball im vergangenen Jahr eine eigene Firma für Kommunikations- und Projektmanagement in Sargans gegründet.

300’000 Franken Budget? «Solche Zahlen sind Unsinn»

Die Partei ist an Weigelts Aktivitäten nicht direkt beteiligt. «Es ist den Kandidatinnen und Kandidaten überlassen, wann sie in den Wahlkampf starten und wie intensiv sie diesen betreiben», sagt Christoph Graf, Geschäftsführer der FDP Kanton St. Gallen. «Karin Weigelts Engagement ist aber sicher aussergewöhnlich – wir begrüssen das sehr.»

Innerhalb der FDP wird dennoch kontrovers darüber diskutiert. Nicht alle sind über Karin Weigelts Powerplay begeistert. Sie gilt nebst Susanne Vincenz-Stauffacher und Stefan Britschgi als aussichtsreichste Anwärterin auf den freiwerdenden Nationalratssitz von Walter Müller. Gemüsebauer Britschgi ist logischer Favorit im landwirtschaftlichen Milieu – während Vincenz-Stauffacher und Weigelt um die Stimmen jener Wählerinnen und Wähler kämpfen, die eine freisinnige Frau nach Bern schicken wollen. Vincenz-Stauffacher habe im Ständeratswahlkampf stark an Profil und Bekanntheit gewonnen, hört man aus Parteikreisen. Diesen Vorsprung versuche Karin Weigelt nun aufzuholen – mit einem aufwendigen Wahlkampf, den sich ihr Vater viel Geld kosten lasse. Von mindestens 300 000 Franken ist die Rede.

Auf seine Rolle im Wahlkampf angesprochen, sagt Peter Weigelt: «Ich unterstütze meine Tochter in allen von ihr gewünschten Aufgaben, vom Fahrdienst über die Organisation von Anlässen, vom kritischen Zuhören bis hin zum Verteilen von Wahlkampfunterlagen.» Und: «Selbstverständlich unterstützen wir unsere Tochter nicht nur ideell, sondern auch finanziell.» Eine Summe nennt Weigelt nicht, weist aber das 300’000-Franken-Gerücht entschieden zurück: «Solche Zahlen sind Unsinn, erst recht, wenn sie gezielt gestreut werden, bevor der eigentliche Wahlkampf überhaupt begonnen hat. Karin hat sich bis jetzt vor allem im Internet profiliert und da zählt nicht das Geld, sondern das Engagement und die Inhalte.»

Sie sei es gewohnt, auf ihren bekannten Vater angesprochen zu werden, sagt Karin Weigelt. «Das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn negative Reaktionen kommen. Aber damit muss man umgehen können. Und natürlich bin ich sehr froh, dass er mir im Wahlkampf mit Tipps und Ratschlägen zur Seite steht.»

Dabei fällt ins Gewicht, dass Peter Weigelt Kommunikationsfachmann ist – und einen direkten Draht in die Medienbranche hat: Beim Onlineportal «Die Ostschweiz», das die Livetalks mit Karin Weigelt zeigt, ist der 63-Jährige als Investor engagiert – «vor allem um die Medienvielfalt im Kanton zu erhalten, die leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist», wie er sagt. So habe sich das Wahlkampfteam auch um andere Kanäle zur Verbreitung der Livestreams bemüht. Die Tagblatt Medien lehnten eine Medienpartnerschaft mit Verweis auf ihre politische Unabhängigkeit ab.

Erster grosser Auftritt an der Seite von Petra Gössi

Stefan Millius, Chefredaktor von «Die Ostschweiz» und Vorstandsmitglied der FDP Appenzell Innerrhoden, sieht in der Kooperation mit dem Team Weigelt kein Problem. «Wir streamen die Anlässe auf unserem Facebookkanal und übernehmen einen Teil der Moderationen. Weil wir gerne audiovisuelle Formen testen und wir die Gesprächsgäste als sehr interessant einschätzen, waren wir gerne dazu bereit.» Dass Karin Weigelt der FDP angehöre, spiele dabei keine Rolle. «Wir wären zur Zusammenarbeit bei einem solchen Format auch bereit gewesen, wenn die CVP, SP, GLP, die Partei der Arbeit oder jede andere Partei auf uns zugekommen wäre.» Die Sendungen seien wertvoll für die Meinungsbildung.

Bewähren muss sich Karin Weigelt allerdings auch ausserhalb dieser Eigenproduktionen. Ihren ersten grösseren öffentlicher Auftritt als Politikerin bestritt sie Ende April an einem FDP-Anlass in Wangs – gleich an der Seite von Parteichefin Petra Gössi. Susanne Vincenz-Stauffacher, die sich im Ständeratswahlkampf befand, wurde erst kurzfristig ebenfalls noch eingeladen, dominierte dann aber das Podium.

Vincenz-Stauffacher nimmt die Offensive der Familie Weigelt sportlich. Je engagierter alle Kandidatinnen und Kandidaten kämpfen würden, umso erfolgreicher schneide die FDP als Partei ab. «Deshalb betrachte ich die Aktivitäten meiner Mitbewerberin aus dem Sarganserland nicht als Konkurrenz, sondern als Belebung des Wahlkampfes.»

Dobler hofft, dass sich seine Geschichte wiederholt

Dass sich die beiden Frauen am Ende der FDP-Liste befinden, hat aus Sicht der Partei nichts zu bedeuten. Die Listenplätze seien für einen Wahlerfolg nicht relevant, sagt Geschäftsführer Christoph Graf – «schon gar nicht im Kanton St.Gallen». Dafür gebe es genug Beispiele aus der Vergangenheit. Die Zwölferliste der FDP sei alphabetisch sortiert, weil sich die Wählerinnen und Wähler so am einfachsten orientieren könnten.

Ausgenommen von dieser Ordnung ist der Bisherige, Marcel Dobler. Er steht am Anfang der Liste. 2015 schaffte er als Unternehmer und Sportler den Quereinstieg in die Bundespolitik – nach einem intensiven, auch finanziell aufwendigen Wahlkampf. Und er hätte nichts dagegen, wenn sich die Geschichte dieses Jahr wiederholen würde, wie er kürzlich auf Facebook kundtat: «Wer weiss, vielleicht fahren bald zwei Sportler nach Bern? Ich unterstütze Karin Weigelt auf jeden Fall.»

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