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18.01.2019 Sarganserländer

«Nutze deine Chancen» 

Mit Karin Weigelt ist eine ehemalige Weltklasse-Handballerin ins Sarganserland gezogen. Die letzten elf Jahre spielte sie in Deutschland, Norwegen und Frankreich. Ein Gespräch über Ausbildung, Fondue und Freundschaft. 

mit Karin Weigelt sprach Reto Voneschen 

Bis letzten Sommer war Karin Weigelt eine der besten Schweizer Handballerinnen. 2007 wechselte die damals 23-Jährige zu Leverkusen. Später ging es nach Stationen in Sindelfingen und Göppingen nach Kristiansand (Norwegen) und Celles-sur-Belle (Frankreich), ehe Weigelt für eine Saison nach Göppingen zurückkehrte. Nach der Niederlage in der WM-Qualifikation Anfang Juni 2018 gegen Norwegen beendete sie ihre Karriere. Zurück in der Schweiz, entschied sie sich für die Selbstständigkeit und arbeitet mittlerweile von Sargans aus. Eines ihrer grössten Mandate ist beim Schweizer Handballverband. Seit letztem Oktober ist sie als Projektleiterin der ersten Schweizer Handball-Akademie für Frauen tätig. 

Karin Weigelt, kennen Sie das Sarganserland schon ein wenig?

KARIN WEIGELT: Es ist noch ein wenig Neuland, ich war aber auf schon auf dem Bike hier unterwegs, und kürzlich habe ich Tamina Lumina in winterlicher Umgebung bewundert. Es ist eine sehr schöne, verkehrstechnisch gut erschlossene Region und ich freue mich, Land und Leute näher kennenzulernen. 

Ihre Handballkarriere endete nach der Niederlage in der WM-Qualifikation ziemlich abrupt. Wie fühlte sich das an?

Es gab immer einen Plan A und B. A wäre mir natürlich lieber gewesen, das hätte geheissen, dass wir uns für die WM im letzten Dezember qualifizieren. Plan B, also den Rücktritt, hatte ich schon lange im Hinterkopf. Aber klar, wenns dann so weit ist, fühlt es sich halt doch ein wenig speziell an. 

Sie sagten nach Ihrem Rücktritt, dass ohne den Aktivsport ziemlich viel in Ihrem Leben wegfalle. Haben Sie diese Lücke schon ein wenig gefüllt?

Am Anfang geniesst man das Nichtstun sehr. Endlich mal keine Verpflichtungen und viel Freizeit. Aber mit der Zeit fragt man sich schon: Und was mache ich jetzt? Ich habe mir deshalb auch bewusst Zeit gelassen, bevor ich mich entschieden habe, die Aufgabe beim Handballverband anzutreten. Das tat mir gut. Es gab wieder eine Struktur. Ich habe dem Sport bisher al- les untergeordnet, nun habe ich andere Möglichkeiten, um mich einzubringen, und diese will ich aktiv nutzen. 

Ein Teil der Arbeit ist der Aufbau der Handball-Akademie in Cham. Was heisst das konkret?

Wir starten im Sommer 2020 mit der Akademie. Aktuell schreibe ich das Feinkonzept dafür, führe viele Gespräche mit Spielerinnen, Vereinen, möglichen Sponsoren und weiteren Projektbeteiligen. 

Sie gingen mit 23 Jahren schon ins Ausland und waren dann elf Saisons in Deutschland, Norwegen und Frankreich tätig. Welches war die interessanteste Destination? (lacht) Das fragen mich jeweils alle. Vom Gesamtpaket her war Norwegen das Bedeutendste. Der Sport hat dort einen hohen Stellenwert und Frauenhandball ist fast Nationalsport.

Der Frauensport hat auch den gleichen Stellenwert wie der Männersport. Diese Gleichstellung war schön, zu erleben. 

Hatten Sie dort einen Profistatus?

Ja, in Norwegen und Frankreich. Ich habe daneben noch studiert. Aber als Frauenhandballprofi legt man nicht im grossen Stil etwas auf die Seite. In Deutschland habe ich halbtags gearbeitet. Ein super Ausgleich zum Sport, und für die Zukunft wars eine gute Sache. So konnte ich bei der Rückkehr auch beruflich etwas vorweisen. 

So etwas hört man beispielsweise bei Fussballprofis eher weniger.

Ich hatte eigentlich gar nie geplant, so lange im Ausland zu spielen. Anfangs war der Plan auf zwei Jahre ausgelegt. Es haben sich aber immer wieder neue Möglichkeiten ergeben. Nach acht Jahren in der Bundesliga stellte ich mir die Frage, ob ich wirklich noch eine Saison anhängen soll. Die Lust darauf war nicht so gross, eine Rückkehr in die Schweiz war angedacht, doch dann kam das Angebot aus Norwegen. 

Sie sagten einst, dass Sie im Ausland lernen mussten, dass im Leben nicht alles planbar ist.

Das habe ich relativ früh gelernt. In der Schweiz sind Job und Ausbildung das Wichtigste. Schon junge Spielerinnen wollen ja kein Jahr an der Uni verpassen. Das wird auch vom Umfeld als wichtig erachtet. Im Ausland sieht man aber vieles lockerer. 

In der Schweiz hört man oft das Vorurteil, «du bist ja nur Sportler, arbeitest du auch was Richtiges?».

Das stimmt. In Norwegen, Deutschland oder Frankreich heisst es dagegen «oh cool, Sportler». Und wenn man nebenher studiert, ist der Respekt noch grösser. Der Stellenwert des Sports ist ganz anders. Ich war und bin immer noch total begeistert vom Handball und hatte auch die Unterstützung der Eltern. Das war ganz wichtig. Sie sagten am Anfang, versuch es, wenns nicht klappt, kommst du wieder zurück. In einem fremden Land, in einer fremden Liga zu spielen, das ist eine grosse Herausforderung. Da brauchts Leute im Umfeld, welche dir sagen, los versuch es. 

Ist das nun auch eine Message von Ihnen? Seid mutig?

Ja, im Sinne, macht auch das, was nicht alle von euch erwarten. Überlegt euch, was euch wirklich wichtig ist. Und wenn du die Chance siehst, dann nutze sie auch. 

Handball im Sarganserland ist leider nicht mehr ein grosses Thema. Gabs schon Anfragen?

Ich hätte nichts dagegen, wenn Handball hier wieder etwas bekannter würde. Aber klar, das ist mit viel Aufwand verbunden und entsteht nicht von heute auf morgen. Von Verbandsseite gibt es Anstrengungen, Handball wieder näher an die Schulen zu bringen. Unterstützend kann ich hier schon helfen, aber einen neuen Verein aufzubauen, ist mir momentan aus zeitlichen Gründen nicht möglich. Ich stehe aber in Kontakt mit einem engagierten Handballtrainer aus Pfäfers. Wir planen, in der nächsten Zeit mal ein gemeinsames Training zu machen. Darauf freue ich mich schon. 

Ihr Vater ist ein bekannter Politiker, sie haben ihre Kandidatur für die Nationalratswahlen bekanntgegeben. Was sind Ihre Ambitionen in der Politik?

Wie ich bereits erwähnt habe, möchte ich mich nach meiner Rückkehr aktiv einbringen. Dazu bietet die Politik viel- fältige Chancen. Natürlich haben wir früher zu Hause oft über Politik diskutiert, und auch während meiner Zeit im Ausland haben mich die Politik und die unterschiedlichen Gesellschaftsformen meiner Gastländer sehr interessiert. Vor diesem Hintergrund erachte ich es als spannende Herausforderung, mich in einem politischen Wahlkampf beweisen zu dürfen und meine internationalen Erfahrungen in die politische Diskussion der Schweiz hineinzutragen. 

Im Ausland wird die Schweiz oft etwas anders wahrgenommen, als wir sie kennen. In einem Interview war zu lesen, dass beispielsweise in Frankreich viele nicht verstanden, warum Sie als Schweizerin nicht fliessend Französisch sprachen.

Ja, das haben damals viele nicht verstanden. Aber es geht uns ja gleich. Viele sagen auch, dass beispielsweise zwi- schen Dänemark, Norwegen und Schweden alles das Gleiche sei, obwohl es deutliche Unterschiede gibt. 

Wie erklären Sie denn im Ausland die Schweiz?

Oft helfen sogenannte «Klischees», beispielsweise, indem man ein Fondue für Gäste zubereitet und über die Schwei- zer Traditionen spricht. Irgendwie ist man immer auch Botschafter seines Landes. Das geht anderen ausländischen Teammitgliedern gleich. Auch die geben dir Eindrücke von ihrem Land und ihrer Kultur mit. 

Was haben Sie aus dem Ausland mitgenommen, ausser, dass man nicht immer alles planen kann?

Mit vielen Leuten umzugehen, mit ihnen klarzukommen. Ich war mehrere Jahre lang Teamcaptain. Es war spannend, zu sehen, wie eine Gruppe funktioniert. Wie Krisen bewältigt werden, wie die einzelnen Personen ticken. Auch das Gefühl, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, ist sehr erfüllend. 

Handball ist ein rauer Sport. Gibt es trotzdem auch Freundschaften mit Gegenspielerinnen?

Klar. Ein Spiel dauert 60 Minuten, danach kann man wieder Freunde sein. Es gibt auch Spielerinnen, die man auf dem Feld nicht ausstehen kann. Die entpuppten sich dann aber privat als sehr umgänglich. Meistens sind ja die, welche man auf dem Feld am wenigsten mag, genau die, welche einem selber am ähnlichsten sind. 

Bereit für neue Taten:

Karin Weigelt hat nach dem Rücktritt diverse Aktivitäten in Angriff genommen.

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