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23.05.2019 Sarganserländer

Stell dir vor, es wird gestreikt, und keine geht hin?

von Katrin Wetzig

Einleitend erklärte Pfarrer Rolf Kühni die evangelische Kirche in Sargans zum neutralen Ort der Meinungsbildung und führte aus, was in der Bibel dazu steht. Dabei wurde deutlich, dass auch hier schon Hierarchien ebenso infrage gestellt wie fixiert wurden. Kühnis Anliegen, in der Kirche Verständnis für die Gendergerechtigkeit aufzubringen und zu einer eigenen Meinung zu finden, schien von daher nicht infrage gestellt zu sein. Mit ein paar persönlichen Worten begrüsste er als Referentin Christine Flitner vom Frauenstreik-Komitee und Zentralsekretariat VPOD. Am Podium konnte er folgende Personen begrüssen: Karin Weigelt, Nationalratskandidatin der FDP, Thomas Warzinek, Kantonsrat und Nationalratskandidat der CVP, die Kantonsrätin und Nationalratskandidatin der FDP, Brigitte Pool, Esther Friedli, die Nationalratskandidatin der SVP, Barbara Dürr, Kantonsrätin und Nationalratskandidatin der CVP, und Margrit Blaser Hug, Vorstandsmitglied der SP St.Gallen als Vertretung für die kurzfristig verhinderte SP-Regierungsrätin Heidi Hanselmann.

«Lohn. Zeit.»

Christine Flitner begann ihr Referat mit ihrer eigenen Geschichte. Erst durch den 1981 in der Bundesverfassung verankerten Gleichstellungsartikel wurde die Baslerin zur Deutsch- Schweizer Doppelbürgerin, indem ihr nun neben der Nationalität ihres deutschen Vaters auch die Nationalität ihrer Schweizer Mutter zugesprochen wurde. Zehn Jahre später erbrachte der Frauenstreiktag am 14.Juni endlich auch das Gleichstellungsgesetz mit den bekannten Verbesserungen, wie beispielsweise der Mutterschaftsversicherung. Es wurden mehr Frauen in den Bundesrat gewählt, doch dann war wieder Stillstand. Dieses Mal wird unter dem Titel «Lohn. Zeit. Respekt.» gestreikt. Die Lohndifferenz von Männern- und Frauenlöhnen ist immer noch markant vorhanden. Flitner sprach von 37 Prozent niedrigeren Frauenlöhnen im Vergleich zu den Löhnen der Männer, nicht zuletzt auch bedingt durch die betreuungsbedingten Teilzeitpensen. Dies zieht nach sich, dass die Renten der Frauen im Vergleich zu den Männerrenten um bis zu 63 Prozent tiefer liegen. Zum Titel «Zeit.» führte Flitner aus, dass die Frauen immer noch weitaus mehr unbezahlte Arbeit leisten als die Männer. Insbesondere die Pflege und Betreuung von Angehörigen und Kin- dern geht hauptsächlich auf das Konto der Frauen.

«Respekt.»

Bei dem Stichwort «Respekt.» geht es um die körperliche Unversehrtheit und sexuelle Belästigung ebenso wie um die mangelnde Wertschätzung und die schlechte Bezahlung in den Pflegeberufen. In diesem Zusammenhang erwähnte sie auch die Unterbezahlung in Kindertagesstätten, die dazu führe, dass hier Praktikantinnen ausgenutzt würden, ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Der Frauenstreik richte sich nicht gegen die Männer, betonte die Referentin. Es gehe vielmehr darum, dass diese den Frauen nicht vorschreiben, was sie tun sollen. Solidarische Männer motivierte sie, mitzumachen, beispielsweise indem sie die Kinderbetreuung übernehmen. Die öffentlichen Aktionen dieses Streiktages finde man im Internet, erklärte Flitner. Bereits die Diskussion über den Frauenstreik wertete sie als Erfolg mit der Hoffnung, dass dies erneut Auswirkungen auf die Politik haben werde.

Die Voten des Podiums

Karin Weigelt berichtete den Anwesenden über ihre Auslandsaufenthalte in Deutschland, Norwegen und Frankreich. Insbesondere die Handhabung der Gleichstellung in Norwegen fand sie vorbildlich, machte jedoch auch deutlich, dass man eigene Lösungen finden müsse, da das politische System in Norwegen anders funktioniere. Thomas Warzinek bestätigte die Diskriminierung der Frauen durch Lohnungleichheit. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müsse verbessert werden. Brigitte Pool erinnerte daran, dass Respekt und Wertschätzung an der Basis stattfinden, und appellierte daran, die Gleichstellung in der Familie vorzuleben. Esther Friedli sah die Ursache der Lohnungleichheit hauptsächlich darin, dass die Frauen zu wenig Selbstbewusstsein an den Tag legen und im Bewerbungsgespräch zu wenig fordern. Auch nützten Männer berufliche Netzwerke besser, statt neidisch und stutenbissig wie die Frauen zu agieren. Barbara Dürr bemerkte, dass die Diskussion auf den Bauernhöfen angekommen sei. In der obligatorischen Versicherung der Frauen und deren Entlöhnung sieht sie eine staatliche Verordnung, die nicht überall erfreut zur Kenntnis genommen werde. Margrit Blaser erinnerte daran, dass bei Scheidung die Frauen nicht selten die Verliererinnen sind. Trotz guter Ausbildung gibt es mutterschaftsbedingt weiterhin eine Schlechterstel- lung. Auch sagte sie, dass betreuungsbedingte Teilzeitarbeit für Männer immer noch auf wenig Verständnis bei den Arbeitgebern stosse. Hier seien positive Vorbilder und Veränderungen nötig. Die Frage, ob es einen Streik brauche oder nicht, schien von allen dahin gehend beantwortet zu sein, dass weiterhin politischer Handlungsbedarf erforderlich ist.

Diskussion – fast vergessen

Die öffentliche Diskussion hätte Pfarrer Rolf Kühni beinahe vergessen. Sie wurde von den Frauen energisch eingefordert. Dabei erinnerte Esther Probst daran, dass man im Sarganserland 20 Jahre lang am 14. Juni mit Anlässen an den Frauenstreik und die Anliegen der Frauen erinnert hatte. Andere Voten ermutigten Frauen dazu, sich die eigene finanzielle Lage vor Augen zu halten und sich selber darum zu kümmern, anstatt dies dem Partner zu überlassen. Während Frauen noch vor wenigen Generationen keinen Beruf erler- nen durften, wurde nun dazu angeregt, miteinander neue Wege zu finden, zumal auch Männer unter dem Leistungsdruck zu leiden hätten. Monika Gauer erinnerte daran, dass das politi- sche Frauennetzwerk Sarganserland pfs sich am Frauenstreik beteiligt, indem man an diesem Tag um 13.15 Uhr von Bahnhof Sargans aus nach Chur fahre, um an den Bündner Aktivitäten teilzunehmen. Unter www.pfs-sarganserland. ch oder www.14juni.ch findet man Detailangaben dazu im Intenet. (kw)

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