Der Wahlkampf 2019 ist Familiensache

Die Eltern stapften vor, die Kinder führen weiter: Politik wird in der Schweiz zur Familiensache. Im Wahljahr 2019 streben gleich mehrere grosse Namen nach einem Amt auf Bundesebene.

Cinzia Venafro

Erbmonarchie? Nein, das kennt die Schweiz nicht. Auch das Vererben politischer Ämter gibt es bei uns eigentlich nicht. Kein Spross eines Bundesrats der jüngsten Geschichte folgte den politischen Fussstapfen der Eltern. Ausser einer Tochter.

Der Widmer-Schlumpf-Clan aus Felsberg GR ist sozusagen die Mutter aller Bundesratsfamilien: Tochter Eveline (63, BDP) regierte die Schweiz von 2008 bis 2015, Vater Leon (1925–2012) von 1980 bis 1987. Und die Kinder der ehemaligen Magistratin verdienen sich ihre Politsporen auf Kantonalebene ab. Sohn Ursin Widmer (30) ist schon seit letzter Legislatur Kantonsrat für die BDP, Tochter Carmen Widmer Blum (35) kandidierte für die CVP für die Luzerner Legislative.

Jetzt, wenige Monate vor Ende der Legislatur und den eidgenössischen Wahlen, zeichnet sich ein neuer Trend in der Schweizer Polit-Landschaft ab: Im Wahlherbst 2019 wollen bekannte Namen ins Bundeshaus einziehen.

In der Innerschweiz strebt ein Mann nach einem Amt im nationalen Parlament, dessen Nachname die liberale Schweizer Politik über Jahrzehnte prägte: Matthias Steinegger (43), Sohn von FDP-Urgestein Franz Steinegger (76) und Nationalrat von 1980 bis 2003, will den einzigen Urner Sitz im Nationalrat ergattern. Auf Kantonsebene politisiert der Polit-Spross bereits: Matthias Steinegger ist seit 2012 Urner Landrat und war führender Kopf, als es darum ging, die Urner von der Notwendigkeit einer zweiten Gotthard-Röhre zu überzeugen.

Den Vergleich mit dem Vater scheut der ehemalige Präsident der FDP Uri nicht: Schliesslich seien mit Franz Steinegger ausschliesslich positive Emotionen verbunden, sagt Steinegger junior, Betriebsleiter eines Sand- und Kieswerks in Flüelen UR. Der Familienbonus könnte ihm tatsächlich die entscheidende Wählergunst schenken. Steinegger greift einen bisherigen SVP-Sitz an.

Spitzensportlerin und Politikertochter Karin Weigelt will nach Bern

Im Freisinn tut sich auch in der Ostschweiz eine neue Polit-Familie auf: So will Karin Weigelt (35), Tochter von alt Nationalrat und Gründer der Wirtschafts- und Kommunikationsagentur Mediapolis Peter Weigelt (63), für die FDP in die grosse Parlamentskammer. Die ehemalige Handball-Nationalspielerin (127 Spiele) will «vom internationalen Spitzensport in die nationale Politik», wie sie sagt. Und dies mit väterlicher Unterstützung.

«Mein Papa ist ein alter Politfuchs, der mir viele wertvolle Tipps geben kann. Das hilft mir sehr.» Ihr Vater war es auch, der sie politisiert hat. «Zu Hause am Esstisch wurde viel diskutiert», erinnert sich die St. Gallerin.

Kennedys aus Baden politisieren schon in der dritten Generation

Im Aargau arbeitet die Familie Binder-Keller am Fortbestehen der eigenen Polit-Dynastie. Die «Kennedys aus Baden», wie die «Aargauer Zeitung» die Familie von Ständeratskandidatin Marianne Binder-Keller (61) nannte, ist die CVP-Familie der Region schlechthin.

Und jetzt will die heutige Grossrätin Marianne Binder-Keller ins Stöckli. Ihr Sohn Simon Binder (32) politisiert bereits auf Gemeindeebene und ist Präsident der örtlichen CVP. Er macht seine Grossväter stolz: Es sind der alt National- und Ständerat Julius Binder (94) auf der einen Stammbaum-Seite und der ehemalige Nationalrat Anton Keller (85) auf der anderen. Papi von Simon Binder und Gatte von Marianne Binder-Keller ist zudem der ehemalige Aargauer Grossrat und heutige Honorarprofessor Andreas Binder. Selbstredend tragen alle Polit-Binder-Kellers die Buchstaben CVP stolz vor der Brust.

Die Mutter von Marianne Binder ist zudem alles andere als unbekannt: Schriftstellerin und Journalistin Rosemarie Keller (82, «Die Wallfahrt») wurde in jungen Jahren politisiert, weil ihre Eltern während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge vor den Behörden versteckten.

Giezi junior ist nicht ganz der Bappe

Ebenfalls im Rüeblikanton will Ulrich Giezendanner (65) das Zepter auch auf nationaler Ebene an seinen Sohn Benjamin (37) abtreten. Der liberale Rechtspolitiker wurde bereits als 18-jähriger KV-Stift in den Grossen Rat gewählt. «Ich gebe unumwunden zu: Damals hat mir der Name Giezendanner sehr geholfen. Ich glaube nicht, dass ich ohne ihn so schnell gewählt worden wäre», sagte Giezi junior 2018 zu BLICK. Die Aargauer SVP hat den ehemaligen Grossratspräsidenten auf Platz 11 der Wahlliste gesetzt – SVP-Provokateur Andreas Glarner (56) schaffte 2015 von Platz 10 aus den Sprung nach Bern.

Und auch ennet des Röstigrabens ist Politik Familiensache: CVP-Mann Vincent Maitre (38) in Genf führt das Erbe seines Vaters weiter, des 2006 an Krebs verstorbenen ehemaligen Nationalratspräsidenten und Staatsrats Jean-Philippe Maitre († 56). Vincent Maitre ist Präsident der Genfer CVP. Doch obwohl seine Grossmutter und sein Grossvater ihr Leben der Politik verschrieben, setzt Vincent Maitre nach einer Depressions- und Burn-out-Erkrankung heute klare Grenzen.

«Mein Vater opferte sich, für ihn zählte nur harte Arbeit. Er hatte ein benediktinisches Leben, sechzehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Ich hingegen will meine Leidenschaften auch ausserhalb der Arbeit leben», sagte der Anwalt gegenüber «Le Temps».

Unter der Bundeshauskuppel arbeitet zudem ein Clan eifrig am Fortbestand des familiären Machtgefüges: Die Tochter von alt Bundesrat und SVP-Vordenker Christoph Blocher (78), Magdalena Martullo-Blocher (49), wurde vor vier Jahren knapp für Graubünden in die grosse Parlamentskammer gewählt. Seither ist die Chefin der Ems-Chemie das Gegenteil einer Hinterbänklerin in Bern.

Martullo sitzt in der einflussreichen Wirtschaftskommission des Nationalrats, gibt an der Seite von Fraktionschef Thomas Aeschi (40) den Takt der SVPler in Bern an – und gilt, sofern sie die Wiederwahl im Herbst schafft, als aussichtsreichste Nachfolgerin von SVP-Finanzminister Ueli Maurer (68). Die SVP selbst führt sie seit 2018 als Vizepräsidentin an – Maurer war einst Parteipräsident.

Da passt das vom Vater inspirierte Gebot, sie wolle nicht, aber wenn sie dann müsse – und das Volk sie rufe –, würde sie dann doch gegen ihren Willen Bundesrätin Magdalena Martullo-Blocher werden.

Wasserfallen junior wird klimatechnisch ausgebremst

Bereits seit Jahren in Bern auf den Spuren seines Vaters Kurt (1947–2006) ist Christian Wasserfallen (38). Stabsübergabe bei dieser Berner FDP-Familie war 2007. Damals schaffte es der 26-jährige Sohn des einstigen Berner Regierungsmitglieds in den Nationalrat. Doch die Ambitionen von Wasserfallen junior wurden heuer empfindlich ausgebremst: Wegen seines klimakritischen Kurses ist er bei der Parteibasis aufgelaufen und trat Ende Juni von seinem Amt als Vizepräsident der FDP zurück.

Auf dem höchsten Stuhl im Nationalrat sitzt aktuell ebenfalls eine Politiker-Tochter: SP-Frau Marina Carobbio (53) spazierte schon als Mädchen durch die Wandelhalle. Carobbios Vater, der ultralinke Werner Carobbio (82, einst Partito socialista autonomo, PSA, später SP), sass von 1975 bis 1999 für das Tessin im Nationalrat. «Wir haben am Küchentisch politisiert und über Politik gestritten. Das war Alltag», so die Kinderärztin.

In Zürich regiert zudem eine berühmte Tochter. Stadtpräsidentin Corine Mauch (56) führt das feministische Erbe ihrer Mutter weiter: Alt SP-Nationalrätin Ursula Mauch (84) war die erste weibliche Fraktionschefin unter der Bundeshauskuppel.

Hier geht’s zum Originalbericht auf Blick online.

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