Ich sehe die Digitalisierung als Treiber für eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Überlegungen zur politischen Debatte über die Digitalisierung im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen.

Digitalisierung – in der aktuellen Politik zu kurz gesehen

Es zeichnet sich ab, die Digitalisierung wird im Eidgenössischen Wahlkampf 2019 eine zentrale Rolle einnehmen. Alle Parteien haben ihre Wahlprogramme um dieses Schlagwort ergänzt, leider aber oft mit zu wenig Tiefe. Denn oftmals wird die Digitalisierung nur technisch gesehen und bewertet, entweder als Chance für Innovation und Fortschritt oder als Gefahr für Arbeitsplätze und Privatsphäre. Aussen vor bleiben aber mehrheitlich Positionsbezüge zu den gesellschaftlichen, sozialen, ökologischen und staatspolitischen Veränderungen des unausweichlichen digitalen Wandels.

von Karin Weigelt, Sargans

Die FDP des Kantons St.Gallen beispielsweise nimmt die Digitalisierung erstmals in ihr Wahlprogramm auf, mit Forderungen auf die «digitale Wirtschaft», die «digitale Verwaltung» und die «digitale Infrastruktur». Alles wichtige Themen, die aber aus meiner Sicht noch breiter ausgerichtet werden müssen, etwa auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf die «Gesellschaft und Familie», die «Arbeitswelt» oder die «Bildung».

Digitalisierte Gesellschaft und Familie

Wir spüren es täglich selbst, das Leben in einer zunehmend digitalisierten Welt verändert unser Verhalten enorm. Für viele von uns bringt die Online-Welt grosse Vorteile; gebührenfreie Kommunikation, internationale Vernetzung, Austausch in sozialen Netzwerken, einfacher Zahlungsverkehr, Online-Shopping, Navigations- und Auskunftsdienste, Wissensdatenbanken etc. Wir nutzen diese alltäglichen Dinge, als ob sie schon immer da gewesen wären. Diese Dienste haben immer den Zweck, Prozesse zu vereinfachen und dabei den Kunden mit seinen Bedürfnissen möglichst ins Zentrum zu stellen. Diesen neuen Optionen und Chancen stehen aber auch negative Veränderungen entgegen, etwa zunehmende Vereinsamung und soziale Entfremdung. Anstelle einer offenen und vernetzten Welt, wie sie zum Beispiel Social Media Dienste gerne darstellt, bewegen wir uns in Filterblasen, schlagen uns mit Fake News herum und bangen um den Schutz unserer persönlichen Daten.

Auf der einen Seite wird also vor einer wachsenden Gefahr für die Stabilität des Miteinanders gewarnt, während andererseits Potenzial erkannt wird, fremden Menschen und Kulturen offener und toleranter zu begegnen, sich zu vernetzen und den Alltag einfacher zu gestalten. Diese Erkenntnis fordert von der Politik eine gezielte Förderung der Digitalisierung als verlässliche Kommunikations- und Wissensplattform bei gleichzeitiger Sensibilisierung für die Einbettung von digitalen Projekten und Prozessen in den gesellschaftlichen Alltag. Die Swiss ID ermöglicht beispielsweise erleichterten Zugang zu online Dienstleistungen von grossen Schweizer Institutionen wie beispielsweise der SBB oder der Post, mit ein und demselben Login. Solche Angebote schaffen Vertrauen und erleichtern die digitale Transformation.

Mit Bezug auf die Familie steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Vordergrund, die dank digitaler Technologien entscheidend verbessert werden kann. Cloud-Lösungen und ortsunabhängiger Austausch untereinander ermöglichen mehr Freiheiten. Gleichzeitig führt die dadurch geforderte Mobilität und Flexibilität dazu, dass sich private und berufliche Bereiche zunehmend überschneiden. Die richtige Balance zu finden und auch abschalten zu können, stellt ein zentrales Bedürfnisse dar. Hier gilt es politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die jedem Einzelnen grösstmögliche Freiheit bietet, das für ihn richtige Lebensmodell zu wählen.

Digitalisierte Arbeitswelt

Damit sind wir bei der Arbeitswelt, welche durch die Digitalisierung in vertikaler wie in horizontaler Sicht verändert wird. Vertikal verändern sich Unternehmen bei der internen Organisation, was etwa kürzere Wege, flachere Hierarchien oder transparentere Prozesse bedeutet. Horizontal wird der Austausch mit Lieferanten und Kunden beschleunigt, Prozesse in der Wertschöpfungskette werden dynamischer und effizienter oder gar übersprungen.

Unbestritten ist, dass vor diesem Hintergrund von den Arbeitskräften höhere Qualifikationen und mehr Flexibilität gefordert werden. Nur allein schon die Kompetenz, mit der sich stetigen Veränderung Schritt zu halten, fordert in hohem Masse heraus. Damit aktive und künftige Arbeitnehmer diese Herausforderungen bewältigen können, muss die Politik dafür sorgen, dass die Erwerbstätigen auf diese Entwicklungen gut vorbereitet sind. Im Zentrum stehen dabei die breite Förderung von Kompetenzen, die am digitalisierten Arbeitsmarkt gefordert sind; etwa die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit oder die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.

Gerade für die Schweiz als rohstoffarmes Land bietet die Industrie 4.0 ein grosses Chancenpotenzial, das aber auch auf entsprechende Rahmenbedingungen angewiesen ist, die wir offensichtlich noch nicht geschaffen haben. Beim Ländervergleich „The Global Innovation Index 2017“ steht die Schweiz beispielsweise beim E-Government auf Platz 64 von 127 bewerteten Staaten. Auch eine kürzlich erschienene Studie des WEFs zeigt, dass die Schweiz ihre Spitzenposition bei der Wettbewerbsfähigkeit abgeben musste. Der Auftrag an die Politik ist damit klar!

Digitalisierte Bildung

Wer Veränderungen in der Arbeitswelt fordert, muss in der Bildung ansetzen. Dies um so mehr, als rund 60 Prozent der heutigen Erstklässler einmal einen Job ausüben werden, den es heute noch gar nicht gibt. Vordergründig werden Veränderungen im Schulbetrieb gefordert; etwa digitale Unterrichtsformen, Befähigung zu individuellem Lernen oder der Wandel der Lehrperson vom Wissensvermittler zum Ratgeber, Mentor und Supporter. Daten und Informationen sind heute überall verfügbar, eine sinnvoll Bewertung und Anwendung stellen die Herausforderung dar.

Nachhaltiger Wandel im Bildungswesen darf sich aber nicht auf den Informatikeinsatz im Unterricht oder den Umgang mit Internettechnologien beschränken. Vielmehr muss die Grundeinstellung der Lernenden zum Lernen und Arbeiten selbst verändert werden. Lernen darf kein Selbstzweck sein, sondern muss motivieren, Freude bereiten und Neugier wecken. Wissenstransfer und Selbststudium sind dazu genauso wichtige Stichworte wie kulturübergreifender Austausch und gesellschaftliche Interaktionen.

Einen besonders hohen Stellenwert erhält im Bildungswesen die Steigerung der Sprach- und Kommunikationskompetenzen. Denn im beruflichen Alltag wird in Zukunft vermehrt im virtuellen Raum in Echtzeit und grenzüberschreitend kommuniziert. Basis dafür sind Fremdsprache-Kenntnisse, insbesondere in Englisch für die westlichen Länder. In Zukunft werden sich einige wenige Sprachen weltweit etablieren, welche durch Sprachprogramme perfekt umgewandelt und damit für alle Weltwirtschaftsregionen verständlich gemacht werden.

Digitalisierter Generationenwechsel

Natürlich könnte das Themenfeld «Digitalisierung» noch breiter auf unseren Alltag, unsere Gesellschaft und unsere direkte Demokratie ausgerollt werden. Mir ging es mit diesen drei plakativen Darstellungen darum aufzuzeigen, dass Digitalisierung uns alle in jedem Lebensbereich und über den ganzen Life Cycle betrifft. Die Politik ist daher gut beraten, das Thema «Digitalisierung» nicht nur auf Wirtschaft, Technologie und Infrastruktur zu reduzieren, sondern die digitale Revolution als Umbruch unserer gesamten Gesellschaft und unseres Zusammenlebens zu begreifen.

Vielleicht braucht es einen Generationenwechsel in der politischen Landschaft, damit dieser ganzheitliche Ansatz im politischen Alltag verankert wird und wir diese Herausforderungen in Zukunft aktiv angehen.

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