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22.02.2019 Leader Magazin

«Ich bin als freier Geist aufgewachsen» 

Die St.Gallerin Karin Weigelt (*1984) hat als Profi-Handballerin Spuren in halb Europa hinterlassen. Nun ist sie zurück in der Ostschweiz, wohnt in Sargans – und setzt zum Sprung in die Politik an. Für die FDP kandidiert sie für den Nationalrat, in dem einst ihr Vater Peter Weigelt zwölf Jahre lang sass. Im Gespräch über Parallelen zwischen Sport und Politik, die Debatten am heimischen Tisch und die Ziele im Fall einer Wahl.

Karin Weigelt, Sie sind nach Ihren Wanderjahren durch Deutschland, Norwegen und Frankreich seit Sommer 2018 wieder in der Schweiz. Wie gross war der Bruch?

Mein Leben hat sich nach der Rückkehr tatsächlich komplett verändert, aber weniger aufgrund der Heimkehr, sondern durch meinen Rückzug aus dem Spitzensport. Der Sport gibt einem ein enges Korsett vor, jeder Tag ist verplant. Das ist weggefallen, und ich musste lernen, damit umzugehen. Ich habe aber auch schnell die Vorteile dieser Freiheit erkannt.

Was machen Sie derzeit mit dieser Freiheit?

Ich habe mich selbstständig gemacht. Eines meiner grössten Mandate ist der Aufbau einer Handballakademie für Frauen im Auftrag des Schweizer Nationalverbandes. Derzeit stecken wir mitten im Aufbau, führen Gespräche mit Vereinen, Sponsoren und Spielerinnen. Richtig gestartet wird dann 2020.

Also doch wieder Handball…

Ich habe mir lange überlegt, ob ich etwas völlig anderes machen soll, in eine andere Branche einsteigen. Und dann habe ich gemerkt, dass mein Herz immer noch beim Handball ist. Dieser Sport motiviert und berührt mich. Allerdings erlaubt es mir die Selbstständigkeit, auch anderes zu tun. Ich habe kleinere Aufträge im Bereich online und Social Media, die nichts mit Handball zu tun haben. Im Moment liegt der Schwerpunkt weiterhin beim Sport, weil es um ein grosses Projekt geht und beim Aufbau viele Aufgaben anfallen.

Und neu dazu kommt nun die Politik. Sie kandidieren im Herbst für die St.Galler FDP für den Nationalrat. Ihr Vater hatte dieses Amt zwölf Jahre lang inne. Sie sind quasi erblich vorbelastet.

Das lässt sich kaum vermeiden, wenn man in einer solchen Familie aufwächst. Wir sind zuhause immer einbezogen worden und haben mitdiskutiert. Entsprechend habe ich mich stets für Politik interessiert. Aber selbst ein Amt anzustreben: Das war lange kein Thema. Diese Idee ist eigentlich in der Zeit gewachsen, in der ich im Ausland gewohnt habe. Mir wurde klar, dass ich nach meiner Rückkehr in der Schweiz etwas bewegen und Verantwortung übernehmen will.

Und das tun Sie der Familie getreu in der FDP. War das für Sie immer klar?

Ich bin als freier Geist aufgewachsen. Unseren Eltern war es wichtig, dass wir Kinder selbst Entscheidungen fällen, diese dann aber auch durchziehen. Das sind Werte, die ich bei der FDP erkenne. Es ist schade, dass in Bezug auf diese Partei von aussen immer nur von der Verbindung zur Wirtschaft gesprochen wird. Die Freiheit der Gedanken, die Selbstbestimmung, die Eigenverantwortung: Das ist aus meiner Sicht eine ebenso wichtige Botschaft der FDP.

Hätten Sie sich für die SP entschieden, wären Sie vermutlich enterbt worden.

(Lacht.) Das hätte sicher Diskussionen gegeben. Aber in einer Familie, die Meinungsfreiheit grossschreibt, hätte das theoretisch auch möglich sein müssen.

Und nun gleich die Kandidatur für den Nationalrat. Hatten Sie keine Lust auf die Ochsentour über Geschäftsprüfungskommission, Gemeinderat, Kantonsrat?

Spannend ist die Arbeit sicher auf all diesen Ebenen. Ich habe das nicht bewusst so gesucht. Als mir klar wurde, dass ich mich engagieren will, habe ich die Optionen angeschaut. Frauen in der Politik sind ja leider immer noch Mangelware, entsprechend schnell kam eine konkrete Anfrage von Parteiseite. Natürlich ist es für eine Quereinsteigerin ein ziemlicher Sprung, aber gerade bei der FDP hat Marcel Dobler ja gezeigt, dass dieser Weg möglich ist. Er wurde nicht nur im ersten Anlauf gewählt, sondern hat sich auch gleich in Bern etabliert. Solche Leute machen Mut.

Sie bringen Erfahrung aus dem Ausland mit. Hat das, was Sie dort erlebt haben, Ihre Sicht auf die Schweiz verändert?

Die Sicht von aussen verschafft immer einen anderen Blickwinkel. In den Ländern, in denen ich gelebt habe, herrschen andere Gesellschaftsformen, Herausforderungen werden anders gelöst. In Norwegen war der offene Umgang mit der Digitalisierung sehr prägend, in Frankreich habe ich erlebt, was Bürokratie und Zentralisierung anrichten. Mit solchen Fragen setzt man sich vermutlich weniger intensiv auseinander, wenn man in der Schweiz wohnt. Dann ist vieles einfach selbstverständlich.

In der Bilanz: Wie schneidet die Schweiz im Vergleich zu ihren ausländischen Stationen ab?

Sicher grundsätzlich gut, sonst wäre ich nicht zurückgekommen. Die direkte Demokratie sticht natürlich heraus, diese Möglichkeit, sich als Bürger aktiv einzubringen. Wenn man im Ausland mit Leuten darüber spricht, merkt man, welches Privileg das ist. Andernorts haben wir dafür Nachholbedarf. Die Gleichstellung beispielsweise ist in Norwegen völlig natürlich. Das habe ich auch im Sport erlebt: Der Frauenhandball geniesst praktisch den gleichen Stellenwert wie derjenige der Herren. Ich war zunächst verwundert darüber, dann wurde mir klar: Das müsste ja eigentlich überall so sein.

Eine FDP-Frau als Gleichstellungsvorreiterin?

Ich würde es anders formulieren. Mein Ziel ist, dass das Geschlecht schlicht keine Rolle mehr spielt. Die Geschlechterfrage wird ja dominiert von gesellschaftlichen Vorstellungen.

Was kann die Politik da verändern?

Ich spreche ja nicht ohne Grund immer von der Eigenverantwortung. In erster Linie müssten sich die Frauen in der Schweiz mehr zeigen, sichtbarer Verantwortung übernehmen, hinstehen. Das hat Vorbildcharakter, es macht anderen Mut und bereitet ihnen den Weg. Karin Keller-Sutter ist dafür ein gutes Beispiel. Frauen können alles – aber sie machen beziehungsweise zeigen es oft nicht.

Das heisst, falls Sie in den Nationalrat gewählt werden, folgt nicht gleich eine Flut von Gleichstellungsvorstössen?

Nein, im Gegenteil. Das ist nichts, was man mit Gesetzen vorantreiben kann. Der gesellschaftliche Wandel muss auf anderen Wegen eingeleitet werden. Der Digitalisierung kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu, beispielsweise bei neuen Arbeits- und Familienmodelle. Natürlich stehen auch die Parteien in der Pflicht. Gerade bei denen rechts der Mitte sind die Frauen ja deutlich untervertreten.

Welches sind denn die Themen, die Sie offensiv angehen würden?

Die Digitalisierung gehört sicher dazu. Ich komme ursprünglich aus dem Kommunikationsbereich und habe mich inzwischen zum Online-Marketingmanager weitergebildet. Das ist kein Zufall. In den zehn Jahren seit meiner ersten Ausbildung ist unglaublich viel passiert, da darf man nicht stehenbleiben. Gerade die Digitalisierung wird oft zu eng verstanden, sie bedeutet nicht einfach Prozessoptimierung und Einsparungen bei den Ressourcen, sie betrifft die Gesellschaft in allen Bereichen. Die Arbeitsmodelle werden beispielsweise flexibler, Stichwort Homeoffice, und das heisst, dass sich auch das Bildungswesen wandeln muss.

In welche Richtung?

Ich habe das selbst erlebt: Ich habe meinen Master per Fernstudium aus drei verschiedenen Ländern absolviert, zuerst in Deutschland, dann in Norwegen und schliesslich in Frankreich. Das bedeutete, dass ich nicht 1000 Kilometer nach Deutschland fliegen musste, um Präsentationen oder Prüfungen zu absolvieren. Das liess sich alles online erledigen. Die Universitäten werden sich dieser neuen Realität anpassen müssen. Ein weiteres Thema, das mich bewegt, ist die Nachhaltigkeit.

Zuerst die Gleichstellung, dann die Nachhaltigkeit: Versteckt sich da eine Links-Grüne im FDP Gewand?

Nein, weil ich Nachhaltigkeit breiter sehe. Natürlich, die Ökologie gehört dazu. Aber ich verstehe darunter ganz allgemein, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Es wäre falsch, das Thema Nachhaltigkeit den Linken allein zu überlassen. Es geht auch um Generationengerechtigkeit, darum, keine Schulden anzuhäufen und das Bildungswesen nachhaltig aufzubauen.

Sie sind nicht nur als Frau in der Minderheit im Kandidatenfeld, sondern auch aufgrund Ihres Alters. Welche Rolle spielt das für Sie?

Wir stehen in einem gesellschaftlichen Wandel. Junge Menschen zu fördern und einzubinden ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Denn auf uns kommen Entscheidungen zu, bei denen die jüngere Generation unbedingt mitreden sollte, sie hat zu vielen Themen einen anderen Zugang. Es geht aber nicht um ein Ausspielen der Altersgruppen, Ältere bringen dafür wertvolle Erfahrung mit – die Mischung machts. Ich würde es mit dem Sport vergleichen: Wer auch morgen noch eine gute Mannschaft haben will, muss den Nachwuchs frühzeitig aufbauen und nicht einfach starr aufs Topteam setzen, ohne an die Zukunft zu denken.

Ein Nachteil ihrer internationalen Sportkarriere ist: Sie waren lange weg, Sie konnten sich in dieser Zeit nicht vernetzen, man kennt Ihren Namen und Ihre Familie, aber weniger gut Sie selbst. Ein Nachteil bei einer Kandidatur?

Das ist mir bewusst, ich war immerhin elf Jahre lang weg. Ich muss alte Netzwerke wieder aktivieren, präsent sein in der Region und mich in Erinnerung rufen. Dabei werde ich mich bestimmt nicht allein auf den Sport oder meinen Familiennamen berufen, sondern mich selbst mit klaren Aussagen und Lösungen profilieren.

Wie sahen die Reaktionen aus auf Ihre Kandidatur?

Mehrheitlich positiv. Allerdings waren viele zunächst überrascht von dem Schritt. Und gleich danach fanden sie: So erstaunlich ist es wohl doch nicht, es liegt ja in der Familie.

Auf die Familie sind wir nun schon einige Male zu sprechen gekommen. Ist die in Bezug auf Ihre eigenen Ambitionen Fluch oder Segen?

Für mich ganz klar ein Segen, ich profitiere von der Erfahrung meines direkten Umfelds. Negative Stimmen gibt es immer, aber ich kenne das aus dem Sport. Ich habe gelernt, mit Kritik umzugehen.

Welche Art Wahlkampf dürfen wir von Ihnen erwarten?

Im Moment laufe ich mich gewissermassen warm. Am Anfang des Jahres gab es einige traditionelle Veranstaltungen, bei denen ich dabei war, dann folgte die offizielle Nomination. Aber es dauert noch ein bisschen, bis es richtig losgeht.

Sie haben vorhin Marcel Dobler als positives Beispiel erwähnt. Er hat viel Geld in seinen Wahlkampf gesteckt. Kann man das von Ihnen also auch erwarten?

Ich weiss nicht, wie viel er investiert hat, aber klar ist, dass ein Wahlkampf Geld kostet. Entscheidend ist für mich, dass ich mich zeigen kann, dass ich im Austausch mit der Bevölkerung stehe, direkt oder über soziale Medien. Dazu kommen klassische Massnahmen wie Plakate und Inserate, aber auch Podien. Aber neben Geld investiert man bei einer Wahl vor allem eines: Zeit.

Nehmen wir an, es klappt nicht mit dem Nationalrat: Wars das dann mit der Politik oder steigen Sie vielleicht auf einer tieferen Ebene ein?

Ich kann mir heute durchaus vorstellen, dass die Politik auch dann ein Thema für mich bleibt, weil sie mich bewegt. Aber ich habe im Sport gelernt, dass man einen Schritt nach dem andern macht, ein Fazit zieht und dann weiterschaut.

Interview: Stefan Millius
Bilder: Marlies Thurnheer

«Das Ausland hat mir gezeigt, was in der Schweiz funktioniert – und was nicht.»

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Neben Karin Weigelt schickt die St.Galler FDP auf ihrer Hauptliste elf weitere Kandidatinnen und Kandidaten ins Rennen. Die Marke «Freisinnig» tragen allerdings drei weitere Liste. Die  Jungfreisinnigen treten wieder mit einer eigenen an, ebenfalls die Umweltfreisinnigen, dazu gibt es als Premiere eine reine FDP-Frauenliste. Sie alle sind untereinander verbunden. Aussichten auf Sitze dürfte aber nur die Hauptliste haben. Ziel der Strategie ist es, diebeiden bisherigen Nationalratssitze zu verteidigen und einen dritten zu holen. Den zweiten Sitz hatte die FDP 2007 zurückerobert, nachdem sie diesen acht Jahre zuvor an die SVP verloren hatte.

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Link zum Leader Magazin 01/2019

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